John Chadwick, The Decipherment of Linear B
Cambridge University Press 1958, Reprinted with new postscript 1992
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Wenn ein Buch nach über 45 Jahren den siebzehnten Nachdruck erlebt, muss
einfach etwas dran sein. In der Tat ist Chadwicks Text nicht nur ein Klassiker,
sondern auch spannende und unterhaltsame Lektüre:
- eine Prise Heldensaga des talented Mr. Ventris, der bereits mit achtzehn
Jahren seinen ersten wissenschaftlichen Aufsatz zu diesem Thema veröffentlichte;
- ein wenig die spannende Geschichte über das Knacken eines geheimnisvollen Codes;
- zudem ein Bericht darüber, wie es einem wissenschaftlichen Außenseiter
gelang, die Anerkennung der Autoritäten seines Fachs zu erobern;
- gewürzt mit der Tragik eines frühen Todes des Protagonisten.
Ich weiß nicht, ob es eine Verfilmung dieses Buches gibt, aber es wäre eine
solche sicherlich wert.
Das Buch ist aber nicht nur als Unterhaltungslektüre zu empfehlen, sondern auch,
weil es - nach 45 Jahren sehr bemerkenswert - sehr einfach und anschaulich beschreibt,
was wir über die Schrift der (nach-minoischen) mykenischen Zeit wissen. Sicher ist die
Forschung in der Zwischenzeit weitergegangen, ich finde aber vor allem erstaunlich,
wie wenig.
Persönlich haben mich besonders zwei Aspekte gefesselt:
- Wie sich die mykenischen Texte auch nach ihrer Decodierung unserem Verständnis
entziehen, weil wir den Sinn der Sätze nicht begreifen ("Zu Pylos: Sklaven der Priesterin
wegen heiligem Gold: 14 Frauen" - worum geht es hier überhaupt?). Chadwick ist hier dankenswert zurückhaltend.
- Wie wenig uns die griechisch-sprachige mykenische "Welt von Linear B" trotz
der scheinbaren Ähnlichkeit der Schriftsysteme über die minoische "Welt von Linear A" sagt.
Ich halte das deshalb für bemerkenswert, weil es eine Tendenz in der auch in dieser
Bibliothek behandelten Literatur gibt (z.B.
Castleden), rückhaltlos vom späteren auf das frühere
zu schließen.
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Bewertung: Das Buch ist gut zu lesen, trotz seines Alters ohne jede Patina,
und beschreibt ein spannendes Stück wissenschaftlicher Entdeckergeschichte.
©Hajo v. Kracht, 9. Oktober 2003
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