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Kenneth Lapatin, Mysteries of the Snake Goddess

Art, Desire, and the Forging of History

Houghton Mifflin, New York, 2002 [@amazon]

Kenneth Lapatin nimmt eine der berühmtesten "minoischen" Statuetten unter die Lupe: die im Museum of Fine Arts in Boston ausgestellte "Boston Snake Goddess". Er kommt zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich um eine Fälschung handelt. So wurde das Elfenbein bei einer Radiocarbon-Untersuchung auf ein Alter von 420 ±50 Jahre datiert, zu alt für eine billige Fälschung, aber 3000 Jahre zu jung für ein echtes Stück aus dem minoischen Kreta.

Dies allein wäre noch kein Buch wert, aber hier legt Lapatin erst los: Er geht der Spur ihrer Herkunft nach und stößt auf eine ganze Serie ähnlicher Stücke in amerikanischen und britischen Museen, von denen einige mit Sicherheit, andere wahrscheinlich von Meisterhand gefälscht sind. Sie alle kamen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts über dubiose Wege aus Kreta. Für keines gibt es einen belegten Ausgrabungsort.

Stattdessen führt die Spur zu Émile Gilliéron jun. & sen., einem auf Kreta lebenden schweizer Künstler und seinem Sohn, die für Sir Arthur Evans, den Ausgräber von Knossos zahlreiche der Fresken und anderen Kunstwerke restaurierten.

Damit sind wir beim Kern des Buches: Wir erfahren, dass Evans so manches der Stücke, die er in seinen Werken präsentiert, nicht ausgegraben sondern gekauft hat und dabei wohl in mehr als einem Fall Fälschungen aufgesessen ist. Wir sehen, wie umfassend er beim "Wiederaufbau" des Palastes von Knossos Dinge verändert hat, die nicht in sein ästhetisches Konzept passten - so wurden Abbildungen von Palmwedeln, die im "Thronsaal" gefunden wurden, mit Lilien übermalt. Die beeindruckenden Gemälde, die wir im Palast von Heraklion heute sehen, wurden von Künstlern, den Gilliérons, aus winzigen Bruchstücken kongenial im Stil ihrer Zeit ergänzt.

Und weil sich die Funde, frei erfundenen Restaurierungen, Fälschungen und persönlichen Ansichten Arthur Evans' zu einem Gesamtbild ergänzten, das den damaligen Kunstmarkt perfekt bedienen konnte, sehen wir heute im wiedererrichteten Palast von Knossos "das besterhaltene und schönste Exemplar von Jugendstilarchtitektur und Art Deco in Griechenland".

Bewertung: Das Buch ist flott geschrieben, man kann es auf einen Rutsch lesen. Die Behauptungen sind gut belegt und gründlich recherchiert. Es hilft, die skeptische Distanz zu einem allzu romantischen Minoer-Bild zu halten. Leider ist es ein bisschen teuer.

Andere Meinungen:
20.07.09 (Ein(e) Leser(in) dieser Seite gab folgenden Kommentar ab:) Man könnte noch anbringen, dass es sich bei Lapatin nicht um einen populärwissenschaftlichen Sachbuchautor sondern um den wohl besten Kenner antiker Elfenbeinskulptur handelt

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