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Klaus Modick,
Der kretische Gast

Roman

Eichborn, 2003 (Piper, 2005) [@amazon,]

Klaus Modicks Roman spielt während der deutschen Besatzung Kretas im Zweiten Weltkrieg. Johann Martens, ein junger Wissenschaftler am Archäologischen Institut in Hamburg wird von seinem Professor auf eine zwielichtige Mission nach Kreta geschickt, wo er antike Kunstwerke katalogisieren, und letztlich deren Raub durch die deutsche Besatzung vorbereiten soll. Was als Drückebergerei beginnt - Johanns Professor will ihn vor den Schützengräben Russlands bewahren - nimmt einen unerwarteten Verlauf, als Johann auf seinen Erkundungsfahrten mit seinen kretischen Begleitern und Gastgebern sympathisiert, sich verliebt und immer mehr zu Yannis mutiert. Sein Gegenspieler, ein gewisser Leutnant Hollbach, zeigt zunächst durchaus den einen oder anderen sympathischen Zug, erweist sich im Verlauf der Handlung aber immer mehr als Erfüllungsgehilfe der deutschen Besatzer, der brutale Vergeltungsmaßnahmen, Erschießungen und Zerstörungen kommandiert.

Das ist eine spannende Geschichte - auch eine schöne Liebesgeschichte ist eingebaut - und Modick schildert sehr überzeugend sowohl kretisches Flair, Menschen, Landschaft, Natur, als auch eine Handlung, die den Held der Geschichte nachhaltig verändert. Im Kontext der "kleinen minoischen Kreta-Bibliothek" ist interessant, wie Modick die Vereinnahmung der Minoer durch die Nazis darstellt; so lässt er Martens' Professor mit einem Augenzwinkern dozieren: "Sie wissen doch, das das, was auf Kreta in Trümmern herumsteht, Pfalzen und Burgen nach urwüchsiger germanischer Art sind. Der Hellene als solcher ist bekanntlich Arier, der minoische Mensch ein Urarier." - Das ist natürlich alles Quatsch, und das weiß auch der Professor, aber solcher Quatsch wurde damals in Deutschland verbreitet.

Ein weiteres interessantes Thema sind die komplexen Frontverläufe besonders gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als plötzlich die Deutschen und die Engländer sich gegen die Kommunisten verbünden und Griechenland in den Bürgerkrieg getrieben wird.

Der Roman hat einen zweiten Strang, der 1975 spielt: Der Student Lukas Hollbach macht sich auf die Fährte der Vergangenheit seines Vaters, welcher stets behauptet, im Krieg in einer administrativen Stellung in Athen tätig gewesen zu sein und von Nazi-Greueln nichts mitbekommen zu haben. Dieser Vater ist niemand anderes als jener Leutnant Hollbach, dessen Erschießungsaktionen Johann/Yannis seinerzeit fotografisch dokumentiert hatte. Mit zwei Fotos im Gepäck führt Lukas' Suche nach Kreta, wo er nicht nur die Wahrheit über seinen Vater, sondern auch seine Liebe findet, die zufällig die Tochter jenes Johann ist, welcher die Fotos seinerzeit geschossen hatte und von Leutnant Hollbach, Lukas' Vater, noch nach Kriegsende erschossen wurde.

Bewertung: Der Roman hat einige Schwächen: Der "plot" ist teilweise stark konstruiert. Der 1975er Erzählstrang ist weniger stark als der Teil, der 1943 spielt. Manche Schilderung, besonders im Studetenmilieu von Hamburg, empfinde ich als stereotyp. Aber insgesamt ist der Roman spannend und sehr gut lesbar - sogar ein zweites Mal. Das Buch brachte mir Kreta und seine jüngste Geschichte aus einer neuen Perspektive nahe, und es sei jedem Kreta-Besucher wärmstens empfohlen.

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