Karl-Wilhelm Welwei,
Die Griechische Frühzeit

2000 bis 500 v.Chr.

C.H.Beck oHG , 2002 [@amazon]

Der Buchrücken dieses kleinen 128-seitigen Bändchens verspricht, "Entstehung, Schönheit und Macht der minoischen und mykenischen Welt" in Zusammenhang mit der griechischen Frühzeit zu behandeln. Auch im Werbetext auf S.2 heißt es: "Mit der Beschreibung des minoischen Griechenland setzt dieses kleine Buch ein."

Pustekuchen.

Das minoische Kreta interessiert Welwei in keiner Weise. Wenn überhaupt, dann beschränkt sich die "Beschreibung" der minoischen Zeit auf zwei Seiten, wo z.B. ohne jeden Beleg "monarchische Machtstrukturen" als Voraussetzung der Errichtung der minoischen Paläste vermutet werden.

Die mykenischen Zeit wird nur ein klein wenig ausführlicher behandelt. Der Text vermittelt nicht, wie begrenzt unser Wissen über diese Zeit ist. Welwei weiss alles und fabuliert etwa über die Geschehnisse beim Untergang der mykenischen Paläste: "Von erheblichem Nachteil war zweifellos (sic!) dass die Burgherren sich primär auf Streitwagenkämpfer stützten und ihrem Fußvolk offenbar geringere Bedeutung im Kampf beimaßen. Möglicherweise ermutigte diese Situation auswärtige Kriegerscharen zu Vorstößen in die durch Naturkatastrophen verheerten Gebiete. Erfolge konnten angesichts der Lage auch zahlenmäßig nicht allzu starke Verbände der Invasoren haben, wenn es ihnen gelang, durch geschickte Kampftaktik die Wagenkämpfer auszuschalten, die ... als Bogenschützen auf ihrem fragilen fahrbaren Stand Fußtruppen offenbar unterlagen, sofern diese rasch ausschwärmen konnten und aus sicherem Stand Wurfspeere ... "(usw. usf.) - Blühende Phantasie.

Der Fokus des Buchs liegt auf der Herausbildung der komplexen politischen Institutionen der Stadtstaaten des klassischen Griechenland in den davor liegenden Epochen der "dunklen Jahrhunderte" und der archaischen Zeit. Dieser Teil des Buches ist - ebenfalls sehr knapp und weniger dem Verständnis als der Rekapitulation dienlich - deutlich besser ausgearbeitet. Allerdings fällt mir auf, wie oft und unhinterfragt Homer als Zeuge für die Verhältnisse zu Beginn der archaischen Epoche bemüht wird. Gerade weil die Herausbildung der Institutionen eine so große Rolle in dem Büchlein spielt, finde ich es schade, dass der Gesetzeskodex von Gortyn keine Erwähnung findet.

Einige Seiten als Leseprobe gibt es bei google und vom Beck-Verlag.

Bewertung: Als Informationsquelle zum minoischen Kreta ist der Text ein glatter Reinfall. Ich hätte mich nicht auf den Werbetext verlassen sollen sondern die Leseprobe des Verlags nutzen (Die dort wiedergegebenen Seiten enthalten alles, was Welwei zu den Minoern zu sagen hat.)

Bezüglich des Hauptthemas des Buches - der Herausbildung der politischen Institutionen der griechischen Stadtstaaten vor Beginn der klassischen Epoche - kann das Buch als Repetitorium empfohlen werden: eine Kurzfassung, die dem etwas bringt, der diese Dinge schon mal gehört und wieder vergessen hat. Für eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema kann ich das Buch nicht empfehlen.

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