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Christa Wolf, Kassandra

Luchterhand, 1983 [@amazon]

Dieses kleine Taschenbüchlein von 159 Seiten hat es in sich. Dies ist einer der Texte, über die es einschüchternde Berge von Sekundärliteratur gibt, und es mag ebenso vermessen sein, den Text unbefangen zu lesen und eine Meinung dazu zum Besten zu geben, genauso wie es für Christa Wolf vermessen gewesen sein mag, den Kassandra-Stoff aufzugreifen, der seit Aischylos viele hundert Male bearbeitet worden ist.

Als Nicht-Literaturwissenschaftler, der auch Christa Wolfs begleitende Poetik-Vorlesung nicht gelesen hat, in der sie den Hintergrund zu ihrer Erzählung aufzeigt, hat mich der Text schwer beeindruckt.

Auf einer Reise nach Griechenland bzw. Kreta im Frühjahr 1980 wird Christa Wolf gepackt vom feministisch-matriarchalischen "Kreta- und Troja-Syndrom" und von der Gestalt der trojanischen Seherin Kassandra. Dieter Schrey erwähnt diesen Zusammenhang in einem kenntnisreichen Vortrag 1985 mit dem Titel Höllenfahrt der Selbsterkenntnis.

In einem rauschhaften inneren Monolog durchläuft Kassandra in der Stunde ihres Todes ihr gesamtes Leben und breitet es vor uns aus.

Wie jedes Stück große Literatur kann man auch diesen Text auf verschiedenen Ebenen lesen und etwa versteckte Anspielungen auf das Leben im SED-Staat finden. Mich hat allerdings am meisten beeindruckt, wie es der Autorin gelingt, ihre Figur zum Sprechen zu bringen und zu zeigen, dass wir heute auch nicht ein klitzekleines bisschen gescheiter sind als die Menschen vor 3000 Jahren, oder klarer denken, radikaler denken, bewusster sind, oder uns selbst besser erkennen können. Nichts von all dem. Und dass die Welt, in der diese Menschen lebten, in paradoxer Weise genau dieselbe war wie unsere heutige, und sich gleichzeitig total davon unterschied.

Bewertung: Für mich bislang mit Abstand der gelungenste Versuch, sich einem Menschen zu nähern, der vor 3000 Jahren gelebt hat. Die Intensität und Lebendigkeit dieser Kassandra ist faszinierend, gerade auch deshalb, weil Christa Wolf ihre Figur nicht erdrückt und platt auf unsere Zeit nagelt.

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